Ist Autismus eine Modediagnose oder nicht? Was sagt die Wissenschaft?

Ist Autismus eine Modediagnose oder nicht? Was sagt die Wissenschaft?

Der Blog handelt eigentlich nicht von psychischen Erkrankungen, Behinderungen oder „Entwicklungsstörungen“, folgt man der Klassifikation des ICD. Dennoch möchte ich hier einige Aspekte beleuchten und mit Studien sowie Aussagen von Wissenschaftlern und Psychologen begründen. Anlass dieses Artikels ist ein kürzlich publiziertes Interview mit Uta Frith, das auf Deutsch in der Zeitung Die Welt erschienen ist. [1]

Wer ist überhaupt Frith?

Frith ist eine sehr bekannte Forscherin, die an diagnostischen Tests für Autismus mitgewirkt hat. Sie trug außerdem entscheidend dazu bei, dass man von verschiedenen Formen des Autismus (ICD-10) auf den Begriff der ASS („Autismus-Spektrum-Störung“) wechselte. Der Kerngedanke dahinter ist, dass die Symptome nicht klar abgrenzbar seien und deshalb der Begriff „Spektrum“ geeigneter wäre. Ungeachtet dessen, dass man bei zahlreichen psychischen und psychiatrischen Erkrankungen ähnlich argumentieren könnte, ist Kritik an häufigen Diagnosen nicht neu. Bereits 2013 warnte Inge Kamp Becker von der Universität Marburg davor, dass die Diagnose zu schnell vergeben werde. Auch dieser Beitrag erschien in Die Welt. [3]

Neu ist jedoch, dass sich nun eine hoch angesehene Forscherin – also eine der Personen, die die Tests entwickelt und nicht nur klinisch angewandt hat – öffentlich sehr kritisch gegenüber dem ASS-Begriff äußert. Ihrer Ansicht nach führt dieser dazu, dass zu schnell und zu viele Diagnosen gestellt werden. Dass Frith dafür Kritik auf sich zieht, ist wenig verwunderlich. Interessant ist jedoch, dass ihre Kritik auch in seriösen Fachkreisen – beispielsweise im Psychotherapeutenjournal [4] – ernst genommen und diskutiert wird. Betrachtet man zudem die politische Korrumpierbarkeit in Teilen der Geisteswissenschaften (Stichwort „Hoax Papers“ [5]), drängt sich der Eindruck auf, dass man diese Kritikpunkte nicht vorschnell ignorieren sollte. Daraus lässt sich allerdings ebenso wenig eine vollständige Bestätigung der Kritik ableiten.

Was ist Autismus überhaupt?

Das MSD Manual definiert Autismus wie folgt: „Autismus-Spektrum-Störungen sind neurologische Entwicklungsstörungen. Ihre Kennzeichen sind gestörte soziale Interaktion und Kommunikation, wiederholte und stereotype Verhaltensmuster und eine ungleichmäßige geistige Entwicklung, oft verbunden mit geistiger Behinderung. Die Symptome beginnen in der frühen Kindheit. Die Ursache ist bei den meisten Kindern unbekannt, eine genetische Mitbeteiligung wird vermutet. Bei einigen Patienten können die Störungen auch mit einer Erkrankung 1 assoziiert sein. Die Diagnose basiert auf der bisherigen Entwicklung und Beobachtung. Die Behandlung besteht in Verhaltenstraining und manchmal medikamentöser Therapie.“ [6]

Wichtig ist hier bereits anzumerken, dass Autismus – ebenso wie im ICD bzw. DSM – als Entwicklungsstörung definiert wird. Dies kollidiert mit der Annahme mancher Neurodiversitätsbewegungen, dass es sich primär um eine evolutionäre Variante handle. Neuere Studien weisen zudem auf mögliche Zusammenhänge zwischen Autismus und Erkrankungen im Alter hin, etwa Alzheimer. [7]

Die aktuelle wissenschaftliche Sicht geht – ungeachtet politischer Forderungen ideologischer Strömungen – weiterhin davon aus, dass Autismus eine Störung darstellt. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte autistische Eigenschaften in früheren evolutionären Kontexten Vorteile gehabt haben könnten, etwa bei Mustererkennung, Sortierung oder systematischem Denken im Zusammenhang mit Nahrungssuche und Werkzeuggebrauch. Wie dem auch sei: Die Kernsymptome sind heute relativ klar beschrieben.

Auffälligkeiten in sozialer Kommunikation und Interaktion

  • Schwierigkeiten im wechselseitigen sozialen Austausch (z. B. Gesprächsführung, Small Talk oder
    soziale Dynamiken)
  • Probleme beim Aufbau und Aufrechterhalten von Beziehungen
  • Häufig ungewöhnliche Reaktionen in sozialen Situationen (z. B. Distanz, Rückzug oder unangemessene Direktheit)
  • Schwierigkeiten bei der Perspektivübernahme („Theory of Mind“: Was denkt oder fühlt der andere?)

Restriktive und repetitive Verhaltensmuster sowie Interessen

  • Wiederholende Bewegungen oder Handlungen (z. B. Wippen, Flattern oder Ordnen) Stark eingegrenzte und intensive Interessen, oft sehr detailliert und spezifisch Starkes Bedürfnis nach Routinen und Vorhersagbarkeit; Stress bei Veränderungen Stereotype Spiel- oder Verhaltensmuster
  • Fokus auf Details statt auf Ganzheiten

Sensorische Besonderheiten (häufig, aber nicht zwingend)

  • Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Berührungen, Gerüchen oder Schmerz
  • Reizüberflutung in komplexen Umgebungen (z. B. Menschenmengen)
  • Starke Suche nach bestimmten Sinnesreizen oder Vermeidung anderer

Weitere mögliche Begleitmerkmale

  • Verzögerte oder atypische Sprachentwicklung (nicht bei allen Betroffenen)
  • Monotone oder ungewöhnliche Sprachmelodie
  • Hohe kognitive Fähigkeiten in Teilbereichen bei gleichzeitigem Unterstützungsbedarf in anderen
  • Häufige Komorbiditäten: ADHS, Angststörungen, Depressionen oder Epilepsie

Wer die genauen Diagnosekriterien lesen möchte, kann diese hier nachlesen:


ICD-10 (WHO – offizieller Browser)
https://icd.who.int/browse10/2019/en


Direkt zur Kategorie Autismus (F84):
https://icd.who.int/browse10/2019/en#/F84

ICD-11 (WHO – aktueller Standard)
https://icd.who.int/browse/2026-01/mms/en

Direkt zur Autismus-Spektrum-Störung:
https://icd.who.int/browse/2026-01/mms/en#/6A02
DSM-5 (APA – keine freie Vollversion online)

Der DSM ist urheberrechtlich geschützt, daher gibt es keinen vollständigen offiziellen freien Text. Die
diagnostischen Kriterien sind hier jedoch wissenschaftlich zuverlässig zusammengefasst:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK519712/

Was sagt die Wissenschaft wirklich?

Die Diagnostik erfolgt durch verschiedene Tests. Die beiden häufigsten sind:

  • ADOS-2
  • ADI-R

Der ADOS-2-Autismus-Test:

  • Standardisiertes Beobachtungsverfahren
  • Direkte Interaktion zwischen Untersucher und getesteter Person
  • Aufgaben zu Kommunikation, sozialem Verhalten sowie Spiel und Interaktion
  • Gilt als einer der wichtigsten „Goldstandard“-Tests

Der ADI-R-Autismus-Test:

  • Strukturiertes Interview mit Eltern oder Bezugspersonen
  • Fokus auf die frühe Entwicklung in der Kindheit
  • Erfasst soziale Entwicklung, Kommunikation und repetitive Verhaltensweisen

Das Problem bei den Autismus-Tests

Ein Hauptproblem bei Autismus-Tests besteht darin, dass sie letztlich nur messen können, wie häufig bestimmte klinische Beobachtungen – also beobachtbares Verhalten – auftreten. Sieht man sich die Tests und die dazugehörigen Studien genauer an, fällt auf, dass sie erstaunlich selten systematisch auf Bias (psychologische Verzerrungen) untersucht werden. Dabei ist das Problem solcher Verzerrungen in der Psychologie seit Langem bekannt, insbesondere durch die sogenannte Replikationskrise. [8]

Im Rahmen dieser Replikationskrise zeigte sich, dass viele psychologische Studien Ergebnisse produzieren, die sich in späteren Untersuchungen nicht zuverlässig reproduzieren lassen. Für den ADOS-2 liegen allerdings mehrere größere Übersichtsarbeiten vor, die durchaus auf eine gewisse Reproduzierbarkeit hinweisen. Dadurch wird dieser Kritikpunkt zumindest teilweise abgeschwächt. Da viele Studien jedoch weiterhin kaum systematisch auf Verzerrungen untersucht werden, bleibt eine erhebliche Fehleranfälligkeit möglich. Berücksichtigt man zusätzlich mögliche politische Einflussnahmen in Teilen der Geisteswissenschaften, erscheint dies besonders kritisch.

Fazit

Das Fazit fällt relativ nüchtern aus. Es gibt seriöse Evidenz dafür, dass die diagnostischen Tests zu ähnlichen Bewertungen gelangen. Gleichzeitig existieren jedoch keine harten empirischen Kriterien dafür, ab welchem Punkt die Diagnose eindeutig gerechtfertigt ist. Es gibt Hinweise darauf, dass Autismus mit organischen Erkrankungen wie Alzheimer korrelieren könnte.

Ebenso zeigen einige Untersuchungen deutliche Reduktionen bei der Reproduktion von Nachkommen. Beides spricht eher dafür, dass es sich bei schwerem Autismus um eine echte organische Störung mit psychologischen Folgen handelt und nicht primär um eine bloße Variante gesunder Neurodiversität. Der aktuelle Trend stark steigender Diagnoseraten sollte daher kritisch hinterfragt werden. Möglich ist, dass die diagnostischen Kriterien inzwischen zu weit gefasst werden.

Diese Kritik wird inzwischen auch von bekannten Forschern unterstützt, stellt jedoch keinen wissenschaftlichen Konsens dar. Man sollte die Diagnose daher weder vorschnell als „Modediagnose“ abtun noch jede Kritik daran tabuisieren. Unzweifelhaft ist, dass schwerer Autismus erheblichen Leidensdruck verursachen kann und Unterstützung in Schule, Ausbildung und Beruf häufig absolut gerechtfertigt ist. Bei leichteren Fällen – insbesondere dann, wenn ein starker Wunsch nach der Diagnose selbst besteht sollte die Diagnosestellung jedoch weiterhin kritisch geprüft werden dürfen.

Quellen

1.) https://www.welt.de/kultur/plus69aea23110f264d559779116/autismus-wird-verherrlicht-eine
diagnose-ist-erstrebenswert-geworden.html

2.) https://de.wikipedia.org/wiki/Uta_Frith

3.) „Standpunkt: Hochfunktionaler Autismus ist eine Modediagnose“ – Spektrum der Wissenschaft

4.) Psychotherapeutenjournal

5.) Hoax-Paper-Affäre

6.) https://www.msdmanuals.com/de/profi/p%C3%A4diatrie/lern-und-entwicklungsst%C3%B6rungen/
autismus-spektrum-st%C3%B6rungen

7.) https://www.fr.de/wissen/ich-wollte-es-nicht-glauben-wie-autismus-und-alzheimer
zusammenhaengen-koennten-zr-94259586.html

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